Psychisch erkrankt – jeder dritte

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Obwohl sich vieles in Versorgung und Verständnis von psychischen Erkrankungen den letzten 30 Jahren verbesserte, werden psychische Erkrankungen weiter tabuisiert, quasi unter der Hand gehandelt. Kaum einer traut sich, über seine durchgemachte psychische Erkrankung zu reden, manch einer geht nach der Entlassung aus der psychiatrischen Klinik lieber im Nachbardorf einkaufen als in seiner eigenen Gemeinde. Die Stigmatisierung von psychisch kranken Menschen ist ein großes Problem für die Erkrankten selbst, aber auch für die ganze Gesellschaft. Die epidemiologische Studie für Europa zeigt welche Dimensionen psychische Erkrankungen im Leben der Gesellschaft einnehmen. Diese Ergebnisse zeigen, wie wichtig der weitere Ausbau der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung ist und warum unbedachte Rationalisierungen und Pauschalierungen der psychiatrischen Versorgung die negativen Folgen von psychischen Erkrankungen für die Betroffenen und die Gesellschaft zum unkalkulierbaren Risiko werden lassen.
In 27 Ländern der EU und Island, Norwegen und der Schweiz wurden Ergebnisse verschiedener Studien und Daten für 514 Millionen Einwohner ausgewertet (Wittchen, H. U., et al. (2011): „The size and the burden of mental disorders and other disorders of the brain in Europe 2010″; in: European Neuropsychopharmacology; 21, Seite 655-679 ). Berücksichtigt wurden allerdings nicht einfach psychische Probleme, sondern „klinisch hoch relevante, spezifische Krankheitsbilder“, die mit standardisierten diagnostischen Instrumenten erfasst und anhand offizieller Diagnoseklassifikationen bewertet wurden. Bereits 2005 haben die Forscher in ihrer Studie 27% psychisch erkrankten Menschen in Europa festgestellt. In der jetzigen Studie 2010 sind es bereits 38%. Danach sind 165 Millionen Menschen in Europa psychisch erkrankt und nur die wenigsten davon bekommen eine professionelle Hilfe. Die Wartezeiten sind Monate bis Jahre lang. In geschätzten 10 % der Fälle erfüllt die Behandlung die Minimalstandards der publizierten Behandlungsleitlinien nicht.
Angsterkrankungen kommen unter den 165 Millionen mit 14% am häufigsten vor. Depressionen und Schlafstörungen folgen mit 7% und Alkohol- und Drogenerkrankungen mit etwa 4%.
Die Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitätsstörung (ADHS) soll bei jungen Menschen unter 17 Jahren mit 5% vorkommen. In der Gruppe der älteren Menschen über 85 Jahre sin dementielle Erkrankungen bei 30% gefunden worden.
Es wird viele Sparmeister nachdenklich machen, dass die Zeit zu einer korrekten Diagnosestellung nach wie vor sehr lang ist und nicht selten werden psychische Erkrankungen erst nach Jahrzehnten festgestellt.
Eine Behandlung erhält etwa nur ein Drittel der erkrankten Menschen. Die Behandlung entspricht aber nicht immer dem State of the Art. Die Folgen von nicht erfolgter oder unzureichender Therapie sind chronifizierte Erkrankungen mit wiederholten Arbeitsunfähigkeiten und/oder Berentung. Die Folge sind gesellschaftliche Gesamtkosten in Höhe von 360 Milliarden EURO im Jahr 2005. Für 2010 müssen die Folgekosten noch berechnet werden.

Von der Demographie wird viel gesprochen. Im Zusammenhang mit Erkrankungen überhaupt lässt die Dimension von psychischen Erkrankungen erahnen, wie viel weniger im Vergleich zu heute durch den demographischen Wandel überhaupt erwerbstätig sein werden und wie viele davon krankheitshalber dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen werden. Deshalb ist die psychosoziale Gesundheit einer der wichtigsten Produktionsfaktoren der nächsten Zukunft. Die Gesundheitspolitik in Deutschland macht nicht den Eindruck, dass diese Gegebenheiten den politisch Verantwortlichen bewusst würden. Eine Vernachlässigung der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung verursacht im Leben des Einzelnen einen Leidensweg durch krankheitsbedingte Veränderungen seiner Biographie.

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